Hast du eigentlich eine Freundin in Deutschland?“ fragte Sophie.
„Ja. Claudia. Sie ist Model, läuft für Hugo Boss.“
Sophie zog eine Augenbraue hoch, und ich ahnte, dass das nicht das Ende der Fragerei war.
„Sie will auch nach Amerika“, setzte ich rasch hinzu. „Wenn alles klappt, arbeitet sie hier als Model. Das haben wir so geplant.“
„Na, da bin ich gespannt. Das Geschäft hier ist härter als in Europa, nur die Besten steigen auf.“ Sie lehnte sich vor, fixierte mich mit klugen Augen. „Glaubst du wirklich, dass deine Claudia in der Zwischenzeit treu bleibt?“
Die Frage traf mich unvorbereitet. „Ich denke doch“, sagte ich, nach einem Zögern, das mich selbst überraschte.
Sie schnaubte leise. „Verlass dich auf niemanden.“ Ich fühlte mich ertappt, als hätte sie den Zweifel gesehen, der sich hinter meiner Antwort versteckte.
„Ich hoffe, dass sie treu bleibt“, sagte ich, und hörte selbst, wie dünn das klang.
„Bis der erste Fotograf sie rumkriegt“, warf sie ein, ohne mit der Wimper zu zucken.
Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich ihre Direktheit mochte oder fürchten sollte. „Ich hoffe doch, Claudia weiß, was sie an mir hat“, sagte ich, ein wenig trotziger, als ich vorgehabt hatte.
Sie lachte leise. „Du bist sensibel. Das gefällt mir.“ Sie nippte an ihrem Tee und beobachtete mich weiter, und ich spürte, wie mein Selbstbewusstsein schwankte. Aber wenigstens war ich ehrlich geblieben, was in ihrer Gegenwart, das begriff ich in diesem Moment zum ersten Mal, offenbar das Einzige war, was zählte.
Sie fragte noch nach meinen Großeltern, ob ich ein gutes Verhältnis zu ihnen habe. „Ja, ich war oft bei ihnen in den Ferien“, sagte ich. „Meine Großmutter hat mich immer unterstützt.“
„Ich mag deine Großmutter Maria sehr.“ Sie sagte es mit einer Wärme, die mich überraschte, fast so, als spräche sie nicht nur über eine Verwandte, sondern über jemanden, der ihr viel bedeutete. Für einen Moment schien sie in Gedanken versunken, weit weg von diesem Nachmittag im Plaza. „Maria und mich verbindet mehr, als du jetzt vielleicht ahnst. Sie hat mir einmal geholfen, als mir kein anderer Mensch mehr helfen wollte oder konnte. Das vergisst man auch nach fast vierzig Jahren nicht.“ Bevor ich nachfragen konnte, winkte sie ab mit einer kleinen Handbewegung, die keinen Widerspruch duldete. „Das ist eine Geschichte für ein anderes Mal, mein Lieber. Grüß sie von mir, wenn du das nächste Mal mit ihr sprichst, und sag ihr, ich denke oft an sie.“
Sie hob die Hand für den Kellner. „Möchtest du einen Sherry mit mir trinken?“
Ich nickte, und als die beiden Gläser mit der hellbraunen Flüssigkeit vor uns standen, hob sie ihres. „Na dann L’Chaim. Zum Wohl!“
Als ich später aus dem Plaza trat, war es immer noch heiß draußen, aber es störte mich nicht mehr. Ich lief los, Richtung Times Square, und fühlte mich zum ersten Mal seit meiner Ankunft nicht mehr ganz verloren in dieser Stadt.
