….Es war noch nicht sechzehn Uhr, aber meine Großmutter hatte mir Pünktlichkeit eingeschärft, und so stand ich zu früh zwischen den Säulen und Kronleuchtern und suchte ein Gesicht, das ich nirgends fand. Ich überlegte kurz, ob ich einfach gehen sollte, aber der Gedanke, meine Großmutter am Telefon enttäuschen zu müssen, wog schwerer als meine Nervosität.
Dann sah ich sie, ganz hinten beim Piano: eine Dame im eleganten roten Kostüm, weißes Haar mit einem violetten Schimmer, akkurat frisiert, rote Lippen. Ich ging auf sie zu.
„Sind Sie … die Tante Sophie meiner Großmutter?“
Sie musterte mich von oben bis unten, ausführlich. Dann lächelte sie.
„Du bist also Roman?“ Die Stimme war rauchig, aber kräftig. „Setz dich doch“, befahl sie mehr, als dass sie es vorschlug.
Ich ließ mich nieder, und mit der Hitze der Straße wich auch ein wenig meine Anspannung. Ich fragte, wie ich sie nennen solle, ob „Großtante Sophie“ richtig sei.
„So ein Unsinn“, sagte sie. „Du sagst Tante Sophie zu mir.“ Und dann, ohne Umweg: „Hat deine Großmutter dir auch erzählt, warum du mich treffen sollst?“
„Um dich kennenzulernen. Meine Großmutter schätzt dich sehr“, antwortete ich, wie ein braver Junge.
Der Kellner kam, ich bestellte Kaffee, sie einen Earl Grey. Während wir warteten, fiel mir eine kleine Brosche an ihrem Kragen auf, ein stilisiertes J. „Für Josef“, sagte sie, bevor ich fragen konnte. „Das war mein Mann. Dein Großonkel.“
Von da an übernahm sie das Gespräch, und ich merkte schnell, dass es weniger ein Plaudern als ein Verhör war: freundlich, aber direkt. Wie der Flug gewesen sei. Was ich in Amerika wolle. Welche Studienrichtung. „Post Graduate Business Administration“, sagte ich, und hörte selbst, wie nichtssagend das klang, also schob ich nach, dass es mir eigentlich vor allem um die Green Card gehe ohne Job keine Green Card, ohne Green Card keine Zukunft hier.
„Also die klassische Einwanderer-Nummer“, stellte sie amüsiert fest.
„Vielleicht. Ich brauche vor allem Abstand von meinem Vater und seiner neuen Familie.“ Ich erzählte, mehr als ich vorgehabt hatte: dass meine Mutter vor drei Jahren gestorben war, dass mein Vater zwei Jahre später wieder geheiratet hatte, dass ich direkt nach dem Studium in seiner Firma angefangen hatte und das nicht gutgegangen war.
„Die Metzgerstochter“, ergänzte sie trocken. „Das hat mir deine Großmutter geschrieben.“
„Genau die. Sie hat starken Einfluss auf meinen Vater gewonnen.“
„Das klingt nach einer bayerischen Tragödie.“ Sie ließ mich einen Moment mit dem Satz allein, dann: „Du hast also alles aufgegeben, um neu anzufangen?“
„Ja.“ Das Wort hing schwerer im Raum, als ich erwartet hatte.
„Das hast du richtig gemacht.“
Ich spürte, wie mein Herzschlag sich beruhigte. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich mein Entschluss richtig an.
Sie fragte nach meinen weiteren Plänen, und ich erzählte vom Homestay-Programm, von der Universität in Buffalo, von den sechs Wochen, die ich mit einem Studienkollegen quer durch amerikanische Gastfamilien reisen würde. „Nun, das kann ja lustig werden“, meinte sie, und dann, ohne Übergang: „Wie alt bist du eigentlich?“
„Fünfundzwanzig.“
„Das schaffst du schon“, sagte sie. „Du hast den Mut gehabt, aus Deutschland wegzugehen und hier ins kalte Wasser zu springen. Dann wird es dir auch gelingen, einen Job zu finden.“
