New York 1990: An einem Nachmittag im November 1990 repariert ein Handwerker in einer New Yorker Wohnung einen alten Kühlschrank – notdürftig, mit zwei zusammengedrehten Drähten. Die Bewohnerin, eine hochbetagte Dame mit rauchiger Stimme, bezahlt ihn und vertieft sich wieder in ihre Zeitung. Niemand ahnt in diesem Moment, dass dieser geflickte Draht wenige Wochen später ein Feuer auslösen wird, das ihr Leben beendet. Diese Frau heißt Sophie. Was sie in den hundert Jahren zuvor durchlebt hat, ist die eigentliche Geschichte dieses Buches.
Zwölf Jahre zuvor, 1978, betritt ein fünfundzwanzigjähriger Deutscher das Plaza Hotel in New York, um seine Großtante kennenzulernen, von der er kaum mehr weiß, als dass sie mit achtundachtzig Jahren scharfzüngig, unabhängig und offenbar unerschrocken ist. Er ahnt nicht, dass diese Begegnung eine der wichtigsten seines Lebens werden wird. Sophie mustert ihn von Kopf bis Fuß. Sie durchschaut binnen Minuten seine Selbstzweifel und seine Fluchtgründe aus Deutschland – und beginnt, Stück für Stück, ihm ihr eigenes Leben zu erzählen. Was sie ihm erzählt, ist eine Geschichte, die er sich in seinen kühnsten Vorstellungen nicht hätte ausmalen können.
Sophie Weiskopf wird 1890 in eine angesehene jüdische Familie mit rabbinischer Tradition hineingeboren, wächst in Zürich auf, verliert mit neunundzwanzig ihre erste große Liebe an die Tuberkulose – einen Bankierssohn aus Triest, der stirbt, kurz bevor eine Heirat endlich möglich gewesen wäre. Jahre später verliebt sie sich, gegen den erbitterten Widerstand beider Familien, in den katholischen Gastwirt Josef Schmitz. Gemeinsam bauen sie ein heruntergewirtschaftetes Großrestaurant am Rhein zu einem der gesellschaftlichen Zentren Kölns aus – bis 1933 alles zu bröckeln beginnt.
Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten verwandelt sich Sophies Leben in einen Albtraum. Die eigene Familie denunziert sie. Ihr Besitz wird ihr genommen, Stück für Stück, unter dem Deckmantel von Gesetzen, die sie über Nacht zur Bürgerin zweiter Klasse erklären.
1941, als selbst ihre Ehe mit einem Nichtjuden sie nicht mehr schützt, verschwindet Sophie – und taucht wieder auf als „Sigrid Sasse“, eine Frau, die es offiziell nicht gibt, mit einer auswendig gelernten Biografie, blonden Haaren und blauen Augen als einzigem Schutzschild. Sie überlebt Gestapo-Kontrollen mit stählernen Nerven, Bombennächte im zerstörten Essen, die ständige Angst, durch ein einziges falsches Wort aufzufliegen. Und während sie um ihr nacktes Überleben kämpft, lässt sich ihr eigener Ehemann heimlich von ihr scheiden, um sich selbst in Sicherheit zu bringen






